Kocher
Ein Fluss, der seine Richtung ändert
Der Kocher prägt mit seinem tiefen, windungsreichen Tal die Landschaft rund um Gaildorf. Doch der Blick auf das Wasser verbirgt ein echtes geologisches Rätsel: Vor Jahrmillionen floss der Kocher in die genau entgegengesetzte Richtung. Er mündete nicht wie heute in den Neckar, sondern gehörte zum System der Donau.
Vor rund fünf bis zwanzig Millionen Jahren sammelte ein mächtiger Ur-Fluss das Wasser der Region und transportierte es nach Süden. Dieses System grub ein breites Tal quer durch die Schwäbische Alb. Erst als sich später der Rheingraben absenkte, änderte sich alles. Die Flüsse im Westen bekamen ein viel steileres Gefälle und gruben sich unaufhaltsam nach Osten vor. Schließlich „kaperten“ sie das Wasser des Ur-Flusses und lenkten es zum Neckar um.
Spuren in der Natur
Diese dramatische Flussumkehr lässt sich bis heute an der Natur ablesen. So fließen auffallend viele ältere Nebenbäche, wie Lein oder Blinde Rot, hartnäckig nach Süden oder Südosten. Direkt bei Gaildorf-Unterrot lässt sich dieses Phänomen beobachten: Hier mündet die (Fichtenberger) Rot in einem scharfen, unnatürlichen Winkel in den Kocher.
Auch das Flusstal verhält sich verkehrt herum: Im obersten Lauf ist es ungewöhnlich breit und flach, während es sich im Mittleren Kochertal bei Gaildorf zu einer tiefen, windungsreichen Schlucht verengt.
Lebensader für das weiße Gold
Neben dieser Erdgeschichte prägte der Kocher die Region als Lebensader. Jahrhundertelang war er ein wichtiger Transportweg für die Salzsieder im benachbarten Schwäbisch Hall. Um das Salz in den Siedepfannen zu gewinnen, brauchten sie riesige Mengen Brennholz aus den dichten Wäldern des Limpurger Landes. Da die Wege für schwere Fuhrwerke ungeeignet waren, nutzte man für die "Haalflößerei" die Kraft des Wassers. Jährlich trieben Hunderttausende markierte Holzscheite aus der Gaildorfer Region den Kocher hinab nach Schwäbisch Hall.

